Historische Kulturwissenschaften
Ein interdisziplinärer Forschungsbereich
Mittelalterarchäologie als historische Kulturwissenschaft
"Die Archäologie des Mittelalters hat das Potential einer Kulturwissenschaft par excellence – sowohl durch methodologische Prinzipien wie durch ihr Themenspektrum. Angesichts des speziellen Charakters ihrer Quellen ist sie dafür aber auf ein breites interdisziplinäres Umfeld angewiesen. Weitergehende Interpretationen kann die prähistorische Archäologie im Allgemeinen nur im Analogieschluss leisten – die historischen Archäologien hingegen, zu denen auch die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit gehört, verfügen über eine Parallelüberlieferung. In der Kombination mit anderen schriftlichen und bildlichen Quellen – im Einzelfall sogar mit mündlichen Traditionen – ist sie in der Lage, ihre Quellen zu interpretieren. Die deutschsprachige Archäologie hat das Themenfeld der Interaktion von Gegenstand, Text und Bild bisher jedoch nur angerissen, so dass hier ein dringender Nachholbedarf besteht. Es geht dabei auch darum, die so genannte Methodenlücke zu schließen, die bisher zwischen den archäologischen Daten und deren kulturhistorischer Interpretation besteht.
In der englischsprachigen Forschung hat das Thema artifacts and texts einen wesentlich größeren Stellenwert, wohl nicht zuletzt dadurch, dass schon lange enge Kontakte im Rahmen der Cultural Anthropology bestehen und daher schon früh das Problemfeld artifacts as texts ins Blickfeld geraten ist.
Anders Andrén hat fünf Möglichkeiten unterschieden, wie archäologische Funde und Schriftquellen zu einer Synthese geführt werden können, nämlich die Einbindung, die Identifikation, die Klassifikation, die Korrelation und die Kontrastierung. Darüber hinaus wird jedoch zu diskutieren sein, welche Rolle weiterhin der Analogieschluss spielt und inwiefern archäologische, schriftliche und bildliche Quellen mit Konzepten der Intertextualität, der Semiotik oder der Hermeneutik interpretiert werden können.
Welchen Stellenwert man den Synthesen zuweisen möchte, hängt letztlich aber von dem Geschichts- und Kulturverständnis der jeweiligen Fächer ab. Die Archäologie des Mittelalters muss hier ihr Geschichtsverständnis genauer definieren und die verschiedenen Richtungen der Kulturwissenschaften – vor allem auch die Kulturanthropologie – besser rezipieren. Umgekehrt kommen Forschungsansätze, wie der einer historischen Kulturökologie den archäologischen Quellen entgegen. Derzeit bestehen unterschiedliche Vorstellungen von Kultur und Kulturgeschichte, die einen interdisziplinären Dialog zu einer echten Herausforderung machen, aber gerade in ihrer Unterschiedlichkeit auch Möglichkeiten zur wissenschaftlichen Innovation bieten könnten."
Auszug aus Rainer Schreg, Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit. Eine historische Kulturwissenschaft par excellence? In: M. Dreyer/J. Kusber/J. Rogge u. a. (Hrsg.), Historische Kulturwissenschaften. Positionen, Praktiken und Perspektiven. (=Mainzer Historische Kulturwissenschaften 1). (Bielefeld 2010) 335-366. 386 S., kart., 29,80 €. ISBN 978-3-8376-1441-1
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